Die Liliputbahn fährt mit Pflanzenöl
Im Jahr 1957 begann das Zeitalter der Diesellokomotiven für die Liliputbahn
im Wiener Prater. Die Wahl fiel damals auf robuste Landmaschinenmotoren,
die einem täglichen Dauereinsatz gewachsen sind und deren Ersatzteilversorgung
über lange Zeit garantiert sein sollte. Aus heutiger Sicht war diese
Entscheidung durchaus richtig, denn die Motoren laufen auch heute noch,
aber ihre Abgaswerte entsprechen natürlich nicht unbedingt heutigen
Standards. Daher entstand die Idee, den Betrieb der Motoren auf umweltfreundliches
Pflanzenöl umzustellen. Gerade in der heutigen Zeit ist das Treibhausgas
CO2 (Kohlenstoffdioxid) oft im Gespräch in Zusammenhang mit der globalen
Erderwärmung. Von der Automobilindustrie wird der CO2-Ausstoß
derzeit auch als wirksames Werbemittel eingesetzt, allerdings geht dies
am Ziel vorbei. CO2 ist nicht etwa giftig, es ist ja auch Bestandteil
unserer Atemluft und in gelöster Form zum Beispiel auch in Bier oder
Erfrischungsgetränken (die so genannte "Kohlensäure")
enthalten. Ziel sollte also sein, den natürlichen CO2-Haushalt auf
der Erde wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Man geht davon aus, daß
bei der Verbrennung des Kraftstoffs im Motor frei werdendes CO2 genau
jener Menge entspricht, welche für das Wachstum der Ölsaatpflanzen
erforderlich ist. Diese setzen das CO2 im Rahmen der Photosynthese unter
Nutzung von Lichtenergie und Wasser zu Nährstoffen (Glucose) um.
Der Betrieb eines Dieselmotors mit Pflanzenöl stellt also einen "CO2-neutralen",
natürlichen Kreislauf sicher.
Umrüstung der Lokomotiven
In
Zusammenarbeit mit dem österreichischen Verein "biotrieb"
wurde zunächst die Lokomotive D1 umgerüstet und erprobt, bald
darauf folgten auch die Loks D2 und D3. Die Umrüstung der Lok D4,
welche als einzige Lok eine andere Motorbauart besitzt, wird im Zuge der
momentan laufenden Hauptausbesserung vorgenommen. Die Umrüstung ist
notwendig, da Pflanzenöl bei Umgebungstemperatur zu dickflüssig
ist, um vom Einspritzsystem des Motors verarbeitet werden zu können.
Eine Vorwärmung des Öls in einem mit dem Motorkühlwasser
beheizten Wärmetauscher und eine Temperaturüberwachung stellen
sicher, daß das Öl die richtige Viskosität für eine
saubere Verbrennung aufweist. Bis das System die Betriebstemperatur erreicht
hat, wird mit herkömmlichem Diesel gefahren, also etwa die erste
Runde am Morgen. Ebenso die letzte Runde, um die Anlage wieder freizuspülen
und einen leichten Start am nächsten Tag sicherzustellen. Die Umschaltung
geschieht vom Fahrerplatz aus mit einem Schalter, das Erreichen der Betriebstemperatur
wird dem Fahrer angezeigt. Diese Betriebsweise erforfdert natürlich
auch zwei Tanks. Bei der Lok D1 wurde der Pflanzenöltank noch beheizt
ausgeführt, bei den anderen Loks wurde aber bereits auf diese Heizung
verzichtet, da sie sich als nicht unbedingt notwendig erwiesen hat (kein
Winterbetrieb).
Erweiterung des Kreislaufs: Schnitzel & Co
Der natürliche Kreislauf kann aber noch erweitert werden: Das frische Pflanzenöl ist zu schade, um gleich verbrannt zu werden. Zuvor kann es in der Küche zum Frittieren und Backen von Schnitzel, Backhendl und Pommes Frites verwendet werden. Erst danach wird es dann - durch entsprechende Filterung aufbereitet - in den Motoren verbrannt. Dies wird von der Liliputbahn seit Sommer 2008 bereits praktiziert: Das Restaurant "Luftburg" im Wiener Prater stellt das gebrauchte Frittieröl kostenlos zur Verfügung. Das Öl wird in Fässern angeliefert und mit einer Filteranlage von Schwebestoffen und Lebensmittelrückständen befreit. Anschließend können die Lokomotiven damit betankt werden. Die bislang gemachten Erfahrungen sind sehr positiv, eine ursprünglich geplante Mischung von Altspeiseöl und Frischöl ist nicht notwendig, die Loks fahren jetzt mit 100% gefiltertem Altspeiseöl.
Diese
Vorgangsweise ist in mehrerer Hinsicht sinnvoll: Das Altspeiseöl
braucht nicht mehr umständlich entsorgt zu werden, das Pflanzenöl
wird optimal genutzt, Rohstoff Diesel wird eingespart und das CO2-Gleichgewicht
sichergestellt. Also insgesamt ein wirksamer Beitrag zum Umweltschutz
und zur Resourcenschonung!